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„Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, ein vernünftiges Wort sprechen.“ _Johann Wolfgang von Goethe
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Wie die Anemonen in den Wald kamen


Eines Tages tuschelten die Wurzeln der Bäume mit den Pilzen auf dem Waldboden: "Die Wipfel unserer Bäume sind immer so arrogant. Sie tun dicke, weil sie die Sterne sehen dürfen, die Sterne und ihren Hirten, den Mond. Wir pumpen Wasser und Mineralien nach oben noch und noch und wir halten den Baum. Und die Wipfel halten sich für was Höheres als wir hier unten auf und im Boden."

Die Wurzeln und die Pilze erzählten ihre Sorgen dem Schmetterling. Der flatterte zur Betteleiche mitten im Hainich. Die war die tausend Jahre alte Fürstin der Bäume und war frei vom Ehrgeiz, die höchste zu sein. Die Betteleiche wusste, die hohen und die gerade Bäume, die sich recken, die werden gefällt. Die krummen Bäume werden alt. 

Die Betteleiche hatte beste Beziehungen zum Himmel. Sie duzte sich mit dem Mond. Die Betteleiche erzählte dem Mond vom Ärger der Pilze und Wurzeln.

Der Mond wurde nachdenklich. Er bat Gott um Hilfe. Gott grübelte. Und gab das Problem an den Mond zurück.

Der Mond wusste, er ist der Hirte der Sterne. Gott hat sie ihm anvertraut. Die Sterne aber wollten nicht auf den Waldboden.

Der Mond ging zu Flora, der Königin aller Pflanzen: "Liebe Flora, möchtest Du den Pilzen und Wurzeln nicht helfen. Sie mühen sich und mühen sich. Und möchten so gern die Sterne sehen." Und Flora besprach sich mit Gott, der half: Flora durfte Sternenstaub aus der Milchstraße über den Wald streuen.

Und so kamen die Anemonen auf die Erde. Und weil sie keine echten Sterne sind, leuchten sie nur im Frühjahr für kurze Zeit. Und so bekamen die Wurzeln und die Pilze ihre eigenen Sterne. 

Michael Zeng 

Hainich Anfang 2020


Auff die nunmehr angekommene kalte Winterzeit

Der Winter hat sich angefangen /
Der Schnee bedeckt das gantze Landt /
Der Sommer ist hinweg gegangen
Der Waldt hat sich in Reiff verwandt.

Die Wiesen sind von Frost versehret /
Die Felder gläntzen wie Metall /
Die Blumen sind in Eis verkehret /
Die Flüsse stehn wie harter Stahl.

Wolan wir wollen von uns jagen
Durchs Feur das kalte Winterleid /
Kompt / Last uns Holtz zum Herde tragen
Und Kohlen dran / jetzt ist es zeit.

Last uns den Fürnewein hergeben
Dort unten auß dem grossen Faß
Daß ist das rechte Winterleben:
Ein heisse Stub' und kühles Glas.

Wir wollen spielen / schertzen / essen /
So lang' uns noch kein Gelt gebricht /
Doch auch der schönsten nicht vergessen /
Denn wer nicht liebt / der lebet nicht.

Wir haben den noch gnug zu sorgen
Wann nun das Alter kompt heran /
Es weiß doch keiner was jhm morgen
Noch vor ein Glück begegnen kann.

Johann von Rist (1607-1667)