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„Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, ein vernünftiges Wort sprechen.“ _Johann Wolfgang von Goethe
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Große Geister denken das Selbe

Die Dichter Brecht und Hesse dichteten über das Glück. Jeder auf seine Art, aber sie meinten das Selbe. Wer das Glück jagt, der wird's nicht finden.

GLÜCK von Hermann Hesse

Solang du nach dem Glücke jagst,
Bist du nicht reif zum Glücklichsein,
Und wäre alles Liebste dein.

Solang du um Verlornes klagst
Und Ziele hast und rastlos bist,
Weißt du noch nicht, was Friede ist. 

Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst,
Das Glück nicht mehr mit Namen nennst, 

Dann reicht dir des Geschehens Flut
Nicht mehr ans Herz - und deine Seele ruht.

_Hermann Hesse

Der Dichter singt selbst

Bertolt Brecht singt sein Lied aus der Dreigroschenoper. Die Musik stammt von Kurt Weill, der vor 70 Jahren starb

BALLADE VON DER UNZULÄNGLICHKEIT MENSCHLICHEN PLANENS

Der Mensch lebt durch den Kopf.
Sein Kopf reicht ihm nicht aus.
Versuch es nur, von deinem Kopf
Lebt höchstens eine Laus.
Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht schlau genug.
Niemals merkt er eben
Diesen Lug und Trug.

Ja, mach nur einen Plan!
Sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch’nen zweiten Plan
Gehn tun sie beide nicht.
Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht schlecht genug.
Doch sein höhres Streben
Ist ein schöner Zug.

Ja, renn nur nach dem Glück
Doch renne nicht zu sehr
Denn alle rennen nach dem Glück
Das Glück rennt hinterher.
Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht anspruchslos genug.
Drum ist all sein Streben
Nur ein Selbstbetrug.

Der Mensch ist gar nicht gut
Drum hau ihn auf den Hut.
Hast du ihm auf dem Hut gehaun
Dann wird er vielleicht gut.
Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht gut genug
Darum haut ihm eben
Ruhig auf den Hut!

Hermann Hesses Geduld

Geduld ist das Schwerste und das Einzige,
was lernen sich lohnt.
Alle Natur, alles Wachstum,
aller Friede, alles Gedeihen und
Schöne in der Welt beruht auf Geduld,
braucht Zeit, braucht Stille,
braucht Vertrauen.

_Hermann Hesse 



Frühling mit Fontane


Frühling

Nun ist er endlich kommen doch
in grünem Knospenschuh.
»Er kam, er kam ja immer noch«,
die Bäume nicken sich's zu.

Sie konnten ihn all erwarten kaum,
nun treiben sie Schuß auf Schuß;
im Garten der alte Apfelbaum
er sträubt sich, aber er muß.

Wohl zögert auch das alte Herz
und atmet noch nicht frei,
es bangt und sorgt: »Es ist erst März,
und März ist noch nicht Mai.«

O schüttle ab den schweren Traum
und die lange Winterruh',
es wagt es der alte Apfelbaum,
Herze, wag's auch du!

_Theodor Fontane

Glück nach Hermann Hesse

Glück

Solang du nach dem Glücke jagst,
Bist du nicht reif zum Glücklichsein,
Und wäre alles Liebste dein.

Solang du um Verlornes klagst
Und Ziele hast und rastlos bist,
Weißt du noch nicht, was Friede ist. 

Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst,
Das Glück nicht mehr mit Namen nennst, 

Dann reicht dir des Geschehens Flut
Nicht mehr ans Herz - und deine Seele ruht.

_Hermann Hesse

Ode an die Freude von Friedrich Schiller

Heute um 18 Uhr haben viele Musiker die Ode an die Freude gespielt und gesungen. Sie setzten ein Zeichen für die Hoffnung und Freude in dieser schweren Zeit.

Den Text zur Ode an die Freude stammt von Friedrich Schiller, unserem Nationaldichter:

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum.
Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng geteilt,
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.

Wem der große Wurf gelungen,
eines Freundes Freund zu sein,
wer ein holdes Weib errungen,
mische seinen Jubel ein!
Ja - wer auch nur eine Seele
sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer's nie gekonnt, der stehle
weinend sich aus diesem Bund!

Freude heißt die starke Feder
in der ewigen Natur.
Freude, Freude treibt die Räder
in der großen Weltenuhr.
Blumen lockt sie aus den Keimen,
Sonnen aus dem Firmament,
Sphären rollt sie in den Räumen,
die des Sehers Rohr nicht kennt.
Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum.
Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng geteilt,
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.

Wandern in Gedanken

Heute ist Welttag der Poesie.
Ein Gedicht für Wanderungen in Gedanken...

Neuer Frühling

Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute —
Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling hinaus ins Weite.

Kling hinaus, bis ans Haus,
Wo die Blumen sprießen,
Wenn du eine Rose schaust.
Sag, ich lass sie grüßen.

_Heinrich Heine, 1797-1856

Kultur ist Slow Food

Wer Zuhause hocken muss, könnte sich mal Zeit nehmen, ein längeres Gedicht zu lesen.

Und das Lesen langsam genießen, die Strophen langsam wirken zu lassen.

Das schützt und bewahrt unsere Kultur.

In der Schule mussten wir unter Druck lehrplanmäßig erkennen, was uns der Dichter damit sagen will. Dabei sagen es uns die Dichter direkt. Nur waren es eben keine Fast-Food-Texter. Sie stellen Ansprüche an die Leserinnen und Leser. Gute Gedichte wollen langsam genossen sein wie guter Wein. 

Alles, was langfristig gut ist, wirkt langsam.

Hier ein Gedicht von Schiller zum langsam genießen.

DIE SPRÜCHE DES KONFUZIUS

Dreifach ist der Schritt der Zeit:
Zögernd kommt die Zukunft hergezogen,
Pfeilschnell ist das Jetzt entflogen,
Ewig still steht die Vergangenheit.

Keine Ungeduld beflügelt
Ihren Schritt, wenn sie verweilt.
Keine Furcht, kein Zweifeln zügelt
Ihren Lauf, wenn sie enteilt.
Keine Reu, kein Zaubersegen
Kann die stehende bewegen.

Möchtest du beglückt und weise
Endigen des Lebens Reise,
Nimm die zögernde zum Rat,
Nicht zum Werkzeug deiner Tat.
Wähle nicht die fliehende zum Freund,
Nicht die bleibende zum Feind.

Dreifach ist des Raumes Maß:
Rastlos fort ohn Unterlass
Strebt die Länge; fort ins Weite
Endlos gießet sich die Breite;
Grundlos senkt die Tiefe sich.

Dir ein Bild sind sie gegeben:
Rastlos vorwärts musst du streben,
Nie ermüdet stillestehn,
Willst du die Vollendung sehn;

Musst ins Breite dich entfalten,
Soll sich dir die Welt gestalten;
In die Tiefe musst du steigen,
Soll sich dir das Wesen zeigen.
Nur Beharrung führt zum Ziel,
Nur die Fülle führt zur Klarheit,
Und im Abgrund wohnt die Wahrheit.

_Friedrich Schiller

Der Frühling ist ein Gedicht von Hölderlin

Der Frühling

Wie selig ist′s, zu sehn, wenn Stunden wieder tagen,

Wo sich vergnügt der Mensch umsieht in den Gefilden,

Wenn Menschen sich um das Befinden fragen,

Wenn Menschen sich zum frohen Leben bilden.

Wie sich der Himmel wölbt, und auseinander dehnet,

So ist die Freude dann an Ebnen und im Freien,

Wenn sich das Herz nach neuem Leben sehnet,

Die Vögel singen, zum Gesange schreien.

Der Mensch, der oft sein Inneres gefraget,

Spricht von dem Leben dann, aus dem die Rede gehet,

Wenn nicht der Gram an einer Seele naget,

Und froh der Mann vor seinen Gütern stehet.

Wenn eine Wohnung prangt, in hoher Luft gebauet,

So hat der Mensch das Feld geräumiger und Wege

Sind weit hinaus, dass einer um sich schauet,

Und über einen Bach gehen wohlgebaute Stege.