Überraschung: Das finstere Mittelalter war nicht finster.
Der Begriff Mittelalter stammt von den Humanisten, die die Zeit zwischen ihrer Ära und der Antike als Zeit dazwischen bezeichneten, eben als Mittelalter. Die Humanisten wollten direkt an die Antike anknüpfen. Aus dem, was damals über die Antike bekannt war, bastelten sich die Humanisten eine ideale Welt.
Damit der Humanismus heller erscheint, musste das Mittelalter finster sein. Um den Kontrast zu erhöhen. Das verbreiteten die Humanisten. Für die war alles Mittelalterliche, das Gotisch im Sinne von barbarisch uralt.
Antike Sklaven und massakrierte Besiegte, hätten da ihre Zweifel gehabt, ob die Antike soll toll war.
Das Mittelalter wird gerechnet von 500 bis 1500, von der Taufe des Frankenkönigs Chlodwig bis zur Entdeckung Amerikas.
Beide Ereignisse änderten Europa für immer. Chlodwigs katholische Taufe brachte die fränkische Könige unter den politischen Einfluss der Päpste, ab 800 die germanischen Kaiser Und nach 1500 flutete das Siber aus Südamerika Europa mit Silbergeld. Damit wich der Wahrentausch der Geldwirtschaft. Der Kapitalismus wurde möglich.
Das Mittelalter bereitete die Neuzeit vor. Im Mittelalter wandelte sich die Antike in neue Herrschaftsformen. Aus dem römischen Reiche entwickelten sich germanische Reiche und aus Ostrom wurde Byzanz. Islamische Araber betraten die europäische Bühne.
Viele praktische Erfindung wurden im Mittelalter gemacht.
Die riesigen gotischen Kirchen waren nicht möglich ohne Ingenieur-Wissen und technische Innovationen und Gewusst-wie.
Im Mittelalter wurde der Räderpflug erfunden und das Kumet, also das Teil, mit dem die Kraft von Rindern und Pferden optimal als Zugkraft genutzt werden konnte. Das war für die Landwirtschaft eine Revolution wie später der Traktor. Räderpflug und Kumet ermöglichten Landwirtschaft auch auf schweren Böden und ermöglichten bis dato unbekannt reiche Ernten. Die Landwirtschaft konnte viel mehr Menschen ernähren, die sich nun in Vollzeit Handwerk, Kunst. Bau, Religion, Handel, Politik und Krieg widmen konnten.
Universitäten wurde gegründet, ein Rechtssystem geschaffen. Das Rechtswesen wurde Wissenschaft. Es wurde so viel gelesen und geschrieben. Nicht umsonst wurde die Brille im Mittelalter erfunden. Noch heute leben davon Optiker und Modemacher.
Und die Theologie entwickelte in der Interpretation der Bibel die wissenaschaftliche Methode von These und logischem Beweis oder logischer Widerlegung.
These - Gegenthese - Auflösung durch objektive Logik.
Dieses Prinzip konnte dann auf die Naturwissenschaften angewandt werden. Es war fertig durchdacht und perfekt und ausbaufähig. Das mittelalterliche Denken hatte die Voraussetzungen geschaffen, nach der Bibel nun die Natur zu erforschen.
Und dass die Erde eine Kugel ist, wusste man im Mittelalter. Nicht umsonst symbolisiert der Reichsapfel (!) der Kaiser ihren Machtanspruch über den Erdball.
Was wir als finsteres Mittelalter gefühlt wissen: Hexenprozesse, Verbrennen von Ketzern erlebte seine Blüte in der frühen Neuzeit, also nach 1500. Warum? Der Wandel der Welt nach Entdeckung Amerikas und dem Seeweg nach Indien, wälzte Wirtschaft und Denken um. Das führte zu Krisen, in denen Schuldige gesucht wurden. Und gefundene wurden.
Die Spaltung der christlichen Kirche durch die Reformation wurde von Staaten getragen, nicht mehr von Sekten und einzelnen Gruppen. Die Berufung auf die Konfessionen wurde zur Begründung, um Machtfragen zwischen Staaten zu klären. Höhepunkt war der 30-jährige Krieg. Zwischen 1618 und 1648 ordnete sich Mitteleuropa für die Neuzeit. Danach waren Ressourcen verbraucht und man begann neu.
Die Schwierigkeiten, zu definieren, wann das Mittelalter endete, zeigen: Eigentlich waren Entwicklungen miteinander verbunden, Ursachen führten zu Wirkungen. Die Verbindung von Ursache und Wirkung zeigt sich als Prozess mit Wurzeln, Blüten, Früchten im ständigen Werden und Vergehen. Das sollten wir bedenken. Vielleicht können wir es steuern und gestalten, aufhalten können wir den Strom der Geschichte nicht.
Michael Zeng