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„Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, ein vernünftiges Wort sprechen.“ _Johann Wolfgang von Goethe
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Seit neun Jahren fotografiere ich Vogteier Rechnungsgesellschaften

Die Rechnungsgesellschaft Oberdorla 2016 von mir fotografiert.
Die Rechnungsgesellschaft Oberdorla 2016 von mir fotografiert.

Die Rechnungsgesellschaften der Vogtei Kirmes 2025 von mir fotografiert, von oben Oberdorla, Langula und Niederdorla.
Die Rechnungsgesellschaften der Vogtei Kirmes 2025 von mir fotografiert, von oben Oberdorla, Langula und Niederdorla.

Seit neun Jahren fotografiere ich Rechnungsgesellschaften der Vogtei. In der Rechnungsgesellschaft feiert die Jugend eines Dorfes auf gemeinsame Rechnung Pfingsten und Kirmes. So in den Dörfern der Vogtei Langula, Niederdorla und Oberdorla. Was Pfingsten und Kirmes passiert, wird kurz Rechnung genannt.

Vor neun Jahren wurde ich gebeten, die Rechnung in Oberdorla zu fotografieren, an deren Kirmessonntag. Ich fotografierte den Tanz auf dem Anger und den Zug um den Anger. Ich machte viele Fotos von großen und kleinen Gruppen.

Später sah mein Cousin die Aufnahmen. Er war viele Jahre lang nicht in der Vogtei. Er sah die Fotos. Erinnerte sich an seine Jugend und meinte: Es gibt viele schöne Frauen in Oberdorla.

Nach dem besagten Kirmessonntag fuhr ich nach Niederdorla. Ich bin ein Niederdorlaer Vogteier.

In Niederdorla wurde ich gefragt, ob ich die Rechnungsgesellschaft mal fotografieren könne. Gern. Wir überlegten den Ort der Aufnahme und fanden die Treppe vor der Schenke.

Seit neun Jahren fotografiere ich dort die Rechnungsgesellschaft Niederdorla. Ich trat ein in deren Verein. Und trage stolz unser T-Shirt und die Jacke.

Die schönen Fotos meiner Niederdorlaer Rechnungsgesellschaft macht ein toller Fotograf aus Oberdorla. Er arrangiert als Profi.

Ich möchte Lebendigkeit einfangen und bewahren. Ich arrangiere nicht. So steht zusammen, wer mag. Dadurch wird der Geist der jeweiligen Rechnung sichtbar und erhalten. So bleibt erhalten, was durch Arrangieren verloren geht.

Jeder ist ein eigener Mensch. Uns unterscheidet, was wir keinem erzählen. Das wird aber sichtbar. Ich möchte die einzelnen Menschen in der Gruppe zeigen. Die einzigartigen Steinchen im Mosaik leuchten lassen. Die Gruppe der Rechnung findet sich. Nach neun Jahren durfte ich nun alle drei Rechnungsgesellschaften fotografieren.

Die drei Fotos zeigen die drei Aspekte der Rechnung:
Die Oberdorlaer zeigen das ausgelassene Feiern. Den Vogteier Willen zum Feiern bestätigte schon vor 751 Jahren eine Urkunde.

Die Langulaer zeigen die Verbindung von Jugend und Tradition. Kamerten und Eveliese sind dabei. Sie tragen alte Vogteier Tracht.

Kamerten und Eveliese sind zwei Vogteier Symbole. Sie stehen für Zwist und Anziehung zwischen Mann und Frau.

In ihrem Dialog erzählt das Pärchen lustige Ereignisse aus dem vergangenen Jahr. Kamerten schießt männliche Pointen, Eveliese sticht mit spitzer Zunge. Mancher wird getroffen.
Lustige und skurrile Ereignisse im Dorf kommen in die Kirmes-Predigt. Kamerten und Eveliese bleiben durch ihre Darsteller ohne Alter. In Langula heißt Eveliese Katterliese. 

Weil immer die aktuelle Jugend Rechnung feiert, bleibt die Rechnung ewig jung. Von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Die Niederdorlaer stellen auf dem Foto die Festlichkeit dar: Mädchen und junge Frauen tragen schönste Kleider. Burschen tragen feinen Zwirn. Kirmes ist auch ein festliches Fest.

Und seit mindestens 751 Jahren knurren die jeweils Alten, die Jugend mache das nicht und dies nicht. Natürlich nicht, sie leben eben die Wildheit der Jugend. Sie sind lebendig.

Zu Pfingsten und zu Kirmes bleiben Jahrhunderte immer wieder jung und eben lebendig. Ein grüner lebender Baum wurzelt in der Vergangenheit, wächst in der Gegenwart und stebt der Zukunft zu.

Die Antwort, warum ich seit 9 Jahren die Rechnungsgesellschaften fotografiere: Weil's Rock'n'Roll ist. 

Heimat

Wir blicken in das Zentrum von Niederdorla.

Rechts sehen wir genau in Linie den Weg auf den Anger. Dort wäre jetzt zu Pfingsten Jubel und Trubel.

Links am Weg zum Anger stünde die Maie, ein großer Nadelbaum, den die Pfingstburschen am Samstag aus dem Niederdorlaer Wald geholt hätten per speziellem Pferdegespann. Und vielen Kutschen. Und den üblichen Getränken und Gesängen.

Am Pfingstmontag hätte sich das ganze Dorf getroffen. Auf dem Anger zum Angertanz. Der Pfingstmontag ist DER Tag der Dorfgemeinschaft. Richtig. 

Links sehen wir das Fickentor. Das hat nichts zu tun mit der schönen Tätigkeit, sondern mit der Familie Fick oder Fink, die dort gewohnt hat. 

Das Tor gehörte zur Dorfbefestigung. Bis zur frühen Neuzeit war Niederdorla umgeben mit einem Graben, Pallisaden und Toren. Statt der Pallisaden konnten auch geflochtete Dornenhecken verwendet worden sein. Straßennamen erinnern noch an die Wehrhaftigkeit Niederdorlas. Und bis heute der Charakter der Niederdorlaer.

Hinter dem Fickentor ragt der Turm der Johanneskirche in den Himmel. Dort werden Niederdorlaer getauft, heiraten und werden wieder aus dem Leben verabschiedet. Ich wurde dort getauft. 

Eine weitere Besonderheit Niederdorlas wird deutlich: Die Kirche steht nicht in der Mitte des Dorfes, sondern am Rand. Vermutlich wurde der Vorgängerbau vom Besitzer des nahe gelegenen Kraingutes gestiftet für die Arbeiter des Gutes, die dort wohnten. Deren kleine Ansiedlung sollte die Keimzelle Niederdorlas werden. Das geschah im sehr frühen Mittelalter.