Im Anfang war das Numinose, das, was niemand erklären kann.
Aus den jeweiligen Versuchen, das Numinose zu erklären, entwickelten sich die Religionen, parallel zur Entwicklung der Menschheit.
Am Anfang: Jede Pflanze, jedes Tier, alle Dinge und jede Erscheinungen der Natur hatten einen eigenen individuellen Geist. Das erklärte vieles. Diese Geister waren Ansprechpartner der Schamanen.
Dann bildeten Menschen Kategorien: So hatten nun alle Tiere einen Geist, alle Pflanzen, jede gleiche Naturerscheinung hatte jeweils einen gemeinsamen Geist. Diese Geister bekamen Eigennamen: Das waren die ersten Götter.
Die Götter wurden Ansprechpartner für die Lenkung des Universums. Durch Gebet und Opfer konnten die Götter beeinflusst werden. So wie Häuptlinge und Könige und deren Minister beeinflusst werden konnten durch Bitten, durch Gebühren, Abgaben und Dienste.
Bald gab es viele Götter, in Hierarchien nach Aufgaben geordnet. Von oben nach unten. Vom Obersten zum Untersten.
Schamanen werden von den Geistern selbst berufen. Manche Menschen wollten das gar nicht. Aber sie folgten ihren Träumen und Visionen und wurden Schamanen. Starb ein Schamanen, wählten die Geister selbst seinen Nachfolger.
Priester können ausgebildet werden. Schamanen nicht. Die sind berufen oder nicht.
Beide Amtsträger sind Vermittler des Willens der Geister und Götter. Solange das geglaubt wird.
Schamanen wurden von den Geistern berufen und übernahmen von ihren Vorgängern, was sie von denen wussten. Priester konnten bewusst Schüler wählen und diese ausbilden. Als Schamanen ihre Schüler wählten wurden sie zu Priestern.
Es gibt Mischformen, so müssen die Anwärter auf ein Priester-Amt in vielen Kulturen noch durch eine Vision berufen werden. Diese Visionen können durch Rituale und Drogen erzeugt werden.
Natürlich gab es immer schon auch Schamaninnen und Priesterinnen.
Die Israeliten erfanden den unsichtbaren Gott. Damit war für Juden, Christen und Muslime das Höchste erreicht. Den unsichtbare höchsten Gott hatten auch schon die alten Ägypter in der Anbetung von Aton, der Sonne. Allerdings verschwand dieser Kult. Die alte Vielzahl der Götter übernahm wieder die Macht, bis Mose vor dem Pharaon erschien. Aber das ist eine andere Geschichte.
Statuen können gestürzt werden. Alle können sehen: Statuen sind Menschenwerk.
Wenn im Alten Orient ein Stadtstaat den anderen besiegte, wurde oft der Gott der Besiegten, in Form seiner Statue, gedemütigt und als Geisel genommen. Damit war der Sieg komplett. Der besiegte König und sein besiegter Gott wurden hingerichtet. Ein unsichtbarer Gott ohne Bildnis war unbesiegbar.
Ein unsichtbarer, namenloser Gott entzieht sich der Erkenntnis und dem Zugriff der Menschen. Er ist zugleich individuell und universal. So kann "Gott" durch Theologie erforscht werden, als Handelnder oder als Idee oder als System, je nach dem.
So bekam alles Sinn und hatte seine Ordnung.
Dass der Name Gottes nicht genannt werden darf, war wichtig. Über ihren Namen können Geister und Götter beschworen werden. Jahwe ist eine Umschreibung. Adams erste Frau hieß Lilith. Sie wusste den wahren Namen Gottes. Sie nannte Gott bei seinem Namen und er musste ihr Wünsche erfüllen. So wünschte sie sich Flügel, bekam diese und flog auf und davon. Für die Israeliten wurde Lilith somit zum Dämon. Eva erfuhr nie den Namen Gottes. Selbst der Teufel verriet ihn ihr nicht. Er gab ihr einen Apfel. Und so weiter.