„Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, ein vernünftiges Wort sprechen.“ _Johann Wolfgang von Goethe

Die Götter und die Trickster

Goethe setzte dem Trickster ein literarisches Denkmal in seinem Dramen Faust eins und zwei:

Doktor Faust: „Nun gut, wer bist du denn?“ Mephistopheles: „Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“
_Goethe, Faust, 1. Teil

Damit es den Göttern nicht zu gut geht, gibt es die Trickster.

Trickster sind die Störer und Durcheinanderbringer. Gewinner und Verlierer zugleich, unsterblich und immer außen stehend. Außerhalb des Systems.

Die Schelme und Kasper, die alles durcheinander bringen: Böse und Gut vermischen, Böse und Gut voneinander abhängig machen. Trickster tun Böses, erschaffen Gutes. Oder wollen Gutes, aber es geht schief.

Die Griechen kannten Hermes, Pan, Prometheus, die Germanen fürchteten Lokis Machenschaften, die Christen lachen über den betrogenen Teufel der Märchen, Goethe erfand Mephisto.

Die Chinesen haben den Affenkönig, die Japaner Susanoo. 

Manche Trickster sind Tiere. Bei vielen Indianer-Kulturen trickst der Rabe. In Westafrika gibt es Trickster in Form vieler verschiedenener Tiere. 

Mächtige Schelme wie Loki, Till Eulenspiegel, Hans Wurst, Hodscha Nasredin, Kasper und Clown haben Brüder auf der ganzen Welt, in allen Kulturen, zu allen Zeiten: des Chaos wunderliche Söhne.

In vielen Kulturen sind Trickster sogenannte Kultur-Heroen. Also Kultur-Bringer. Was bedeutet das?

Das System der Götter glich dem System der Menschen. Oben wirkte der Haupt-Gott wie ein König. Er teilte seine Verantwortlichkeiten auf untere Götter auf, die waren oft seine Geschwister und Kinder. Was die Götter von den Menschen wollten, vermitteln die Priester. 

In diesem System hatten auch die Menschen ihren Platz. Ganz unten. Alles war fest geregelt. 

Wie sollte es da Fortschritt geben und Entwicklung? Und welche Möglichkeiten hatten die Menschen?

Die Trickster halfen. Trickster standen außerhalb des Systems. Sie hatten wenig Macht, konnten aber stören. Trickster stahlen den Göttern zum Beispiel das Feuer oder die Geheimnisse der Landwirtschaft. Dieses Wissen gaben die Trickster weiter an die Menschen. Wohl wissend, je mehr die Menschen wissen und können, um so mehr schwindet die Macht der Götter. Das System ist gestört. Oft bestrafen die Götter die Trickster grausam. Aber das Feuer und anderes blieb in der Welt der Menschen. 

Die Menschen erlebten immer wieder die Störungen im System: Das Wetter spielt nicht mit. Der Priester bekommt in der Zeremonie einen Schluckauf. Der König stolpert. Das machten die Trickster. 

Trickster stören das System, manche erschufen auch die Welt, ohne Absicht, das zu tun. Das erklärt vieles.